Handlungsempfehlungen

Wertebildung in der Einwanderungsgesellschaft

Thema

Werte als Basis des Zusammenhalts in einer vielfältigen Gesellschaft

Herausgeberschaft

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Autoren/Autorinnen

Wertebildung in der Einwanderungsgesellschaft. Dokumentation der gemeinsamen Tagung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und der Bertelsmann Stiftung. Berlin, 10.11.2016. Gütersloh 2017.

Erscheinungsort

Gütersloh

Erscheinungsjahr

2017

Stiftungsengagement

Bertelsmann Stiftung

Ziel, Fragestellung, Vorgehensweise

Hintergrund ist, dass Deutschland in den nächsten Jahren vor großen Herausforderungen steht, die im Kern den gesellschaftlichen Zusammenhalt betreffen. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Menschen in einer Zeit leben, die von Globalisierung und Individualisierung, Krisen und Unsicherheiten geprägt ist. Neue Konfliktlinien verliefen zwischen jenen, die durch die Globalisierung gewinnen oder verlieren: Erstere hätten oft einen kosmopolitischen Lebensstil und orientieren sich in ihren Einstellungen und Werthaltungen grenzüberschreitend bzw. international, letztere nähmen die wirtschaftlichen und demografischen Entwicklungen, aber auch die globalen Migrationsbewegungen als Bedrohung wahr. In Zeiten der Verunsicherung und Bedrohungsgefühlen großer Bevölkerungsgruppen seien gesellschaftliche Bindekräfte sehr wichtig, doch habe der gesellschaftliche Zusammenhalt immer mehr abgenommen.

Durch die verstärkte Zuwanderung von Geflüchteten und Asylsuchenden, die ab dem Jahr 2013 einsetzte und 2016 einen Höhepunkt fand, sei der schwindende gesellschaftliche Zusammenhalt offener zutagegetreten als zuvor. Einerseits hätten sich viele freiwillige Helfende für die Integration geflüchteter Menschen engagiert und es sei eine Willkommenskultur entstanden. Andererseits hätte in der Bevölkerung die Sorge zugenommen, dass eine Zuwanderung in dieser Größenordnung nicht zu bewältigen sei. In diesem Kontext erlebten rechtsgerichtete populistische Gruppierungen und Parteien einen großen Zulauf, was die offene, pluralistische Gesellschaft unter Druck geraten ließ.

Die Publikation widmet sich der Frage, wie das Zusammenleben in einer kulturell vielfältigen Einwanderungsgesellschaft dauerhaft gelingen kann. Darüber diskutierten etwa 200 Expertinnen und Experten auf der Tagung der Bertelsmann Stiftung „Wertebildung in der Einwanderungsgesellschaft“, die gemeinsam mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge durchgeführt wurde. Im Zentrum der Veranstaltung standen folgende Fragen:

  • Welche Werte bilden das Fundament einer Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache, religiöser und kultureller Prägung friedlich zusammenleben können?
  • Wie sieht ein konstruktiver Umgang mit Wertevielfalt aus?
  • Wie können Wertedialog und Wertebildung in der Einwanderungsgesellschaft gestaltet werden?

Die Beiträge in der Dokumentation geben Antworten auf diese Fragen und setzen sich mit Wertebildung im Kontext von Integration auseinander.

Wichtige Ergebnisse

Herausforderungen und Empfehlungen für die Wertebildung in der Einwanderungsgesellschaft

Als wichtiges Ziel wird die Anerkennung demokratischer, menschenrechtsbezogener Grundwerte hervorgehoben – als Orientierungsrahmen für ein friedliches Miteinander und für den Umgang mit Konflikten, die aus unterschiedlichen kulturell geprägten Wertvorstellungen entstehen können. Zugleich werde deutlich, dass Wertebildung in der Einwanderungsgesellschaft nicht als einseitiger Prozess verstanden werden kann, sondern als ein Prozess wechselseitiger und steter Verständigung, der bei allen Beteiligten Offenheit und Dialogbereitschaft voraussetzt. Wertebildung könne nur dann gelingen, wenn sie auf Augenhöhe stattfindet, partizipativ gestaltet wird und auf Dialog, Begegnung und Austausch setzt.

Ausgangspunkt ist die Forderung vonseiten der Wissenschaft, dass es angesichts der bestehenden Herausforderungen einer verstärkten, intensiven gesellschaftlichen Verständigung zu Fragen bedarf, die die Wertebasis der Gesellschaft betreffen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Ein solcher Dialog sei in der Umsetzung jedoch nicht einfach, da die Bereitschaft von Zuwanderungsbevölkerung und Mehrheitsgesellschaft zur Teilnahme am Diskussionsprozess vorausgesetzt werde. In der öffentlichen und politischen Debatte werde Wertebildung bislang primär als Aufgabe für die Zuwanderungsbevölkerung beschrieben, die die entsprechenden Integrationskurse in großem Maße nachfragen. Nicht weniger wichtig wäre es jedoch, in der Mehrheitsbevölkerung für mehr Toleranz und Augenmaß zu werben und sich extremen Aktionen und Kampagnen entschieden entgegenzustellen, um Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung entgegenzuwirken. Zusätzlich müsste dieser Verständigungsprozess über einen neuen Wertekanon in Institutionen wie der Familie, in Bildungseinrichtungen, in der Freizeit- und Jugendarbeit und in der Erwerbssphäre gezielt gefördert werden. Dabei sei zu berücksichtigen, dass eine Verständigung über einen Wertekanon in Deutschland Zeit und Ressourcen sowie das Engagement von geeigneten Akteuren brauche.

Noch entscheidender sei es, die Wertediskussion nicht isoliert von anderen Fragen der gesellschaftlichen Integration zu betreiben. Dringend notwendig sei eine strukturelle Integration von Migranten und Migrantinnen sowie Einheimischen in den Arbeitsmarkt und in das Gesundheits- und Bildungssystem und das Schaffen von bezahlbarem Wohnraum. Ansonsten bliebe die Wertediskussion inhaltsleer. Die Frage von Werten, Wertekommunikation und Wertebildung sei somit aufs Engste mit anderen strukturellen gesellschaftlichen Fragen verknüpft.

Wie kann es in Deutschland gelingen, einen auf Wertefragen aufsetzenden Dialog um einen neuen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu etablieren und welche inhaltlichen Schwerpunkte könnten dabei gesetzt werden?

1. Angeknüpft werden sollte an Erfahrungen, die in Deutschland seit 40 Jahren über die Integration von großen Migrantengruppen bestehen, insbesondere von Migrantinnen und Migranten, die aus kulturell anders geprägten Regionen der Welt eingewandert sind (u. a. aus der Türkei, aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und anderen ehemaligen Ostblockstaaten). Von den Good Practices der Vergangenheit könne gelernt werden. Auch die auf vielen Gebieten gelungene Integration von ehemaliger DDR und ehemaliger BRD in ein neues Deutschland nach 1990 gebe Anlass zu der Hoffnung, dass die gesellschaftlichen Kräfte und Stimmen der Vernunft stark genug sind, um wichtige Fragen eines neuen gesellschaftlichen Zusammenhalts gekonnt zu bearbeiten. Dazu müsse substanziell in finanzielle Ressourcen, engagierte Personen und passende Konzepte investiert werden, die zudem sinnvoll zusammenzubringen sind.

2. Die empirischen Analysen, die für den vorliegenden Bericht vorgenommen wurden, hätten gezeigt, dass sich die Werthaltungen von Migranten und Migrantinnen aus muslimisch geprägten Staaten und von Deutschen ohne Migrationshintergrund in Teilen voneinander unterscheiden. Dies betreffe vor allem Einstellungen und Werthaltungen zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern und Einstellungen zur religiösen Toleranz. Weniger groß seien die Unterschiede bei Einstellungen zur Demokratie als Regierungsform, am geringsten bei Einstellungen zum marktorientierten kapitalistischen Wirtschaftssystem. Wenn sich diese Befunde auch durch andere Studien bestätigen lassen, sollte Wertebildung für Zugewanderte stärker auf die ersten beiden Themen ausgerichtet werden. Dabei sollte auch der Frage nachgegangen werden, ob Frauen aus neuen Zuwanderungsgruppen bestehende Angebote zur Steigerung der Selbstbestimmung (etwa Kindergärten, Bildungseinrichtungen, Arbeitsmarkt) in gleicher Weise nutzen können wie deutsche Staatsbürgerinnen. Debatten um das öffentliche Kopftuchverbot oder islamische Kindergärten würden zeigen, dass durchaus widersprüchliche Vorstellungen darüber bestehen, welche Maßnahmen der Emanzipation muslimischer Frauen zielführend sind. Sinnvoll wäre es auf jeden Fall, die komplexen Motivationen und Lebenslagen der Betroffenen stärker sichtbar zu machen und ihnen in diesen Debatten eine Stimme zu geben.

3. Es sollten neue Programme und Initiativen zur Wertebildung geschaffen werden, die im Erwachsenenalter ansetzen. Jenseits von (Weiter-)Bildungseinrichtungen sollten in solche Programme vor allem auch Organisationen in der Jugend- und Kulturarbeit (z.B. Sportvereine) sowie Betriebe in der Erwerbssphäre integriert werden. Zu empfehlen wäre ein Ansatz, der die Integration in den Arbeitsmarkt und das (Weiter-)Bildungssystem mit der Integration in soziale Netzwerke und Vereine verknüpft. Dabei sei die besondere Lebenssituation von Geflüchteten zu berücksichtigen, die teilweise lange Phasen der Unsicherheit bis zur Klärung ihres Aufenthaltsstatus erlebten. Auch auf anderen Ebenen sei die Gruppe der Geflüchteten in Deutschland nicht homogen, sondern es bestünden beträchtliche Unterschiede bezüglich sozialer Herkunft, Bildung, Alter und Familiensituation. Dies müsse bei der Konzipierung und Institutionalisierung von Wertebildung berücksichtigt werden.

4. Wertebildung sollte als eine gesellschaftliche Aufgabe verstanden werden, die durch Institutionalisierungsprozesse begleitet werden muss. Wictig wäre dabei auch eine Unterstützung durch wissenschaftliche Expertise und Begleitforschung. Die etablierte bildungspolitische und pädagogische Herangehensweise wäre dabei durch sozialpsychologische und (organisations-)soziologische Ansätze zu ergänzen. Eine begleitende Forschung müsste eine Reihe von Desideraten aufarbeiten. Unter anderem sollte systematisches Wissen zu den Einstellungen und Werthaltungen von Migranten und Migrantinnen in Deutschland erhoben werden, ebenso zu der Frage, wie sie Wertebildungsprozesse erlebt haben und für ihre Kinder gestalten. Darüber hinaus seien weitere Fragen zu klären: Wie relevant ist das Aufwachsen in einem anderen Kulturkreis? Wie prägend bleiben diese Erfahrungen nach einem Wechsel in ein anderes Land? Welchen Stellenwert haben einschneidende Erfahrungen auf der Flucht vor Krieg und Zerstörung? Welche Unterschiede gibt es zwischen Männern und Frauen, zwischen Menschen mit viel und mit wenig Bildung? Die im Bericht vorgenommenen statistischen Analysen hätten eine Reihe wichtiger Befunde zu den Einstellungen und Werthaltungen von Migranten und Migrantinnen aus muslimisch geprägten Regionen geliefert, doch sei das Wissen zu diesem Thema noch rudimentär und es werde oft mit Annahmen und Zuschreibungen gearbeitet. Die Aufgabe von Staat, wissenschaftsnahen Organisationen und Stiftungen wäre es, weiterführende Studien in Auftrag zu geben und in einem ausreichenden Maße zu finanzieren.

5. Ein damit verknüpftes, noch wenig bearbeitetes Forschungsfeld seien die Einstellungen und Werthaltungen der Mehrheitsgesellschaft und den gesellschaftlichen Wertewandel. Bislang sei der Wertewandel überwiegend im Generationenvergleich und im internationalen Vergleich thematisiert worden, aber nicht, inwieweit er durch zunehmende Globalisierungsprozesse, durch eine Vereinfachung der grenzüberschreitenden Wahrnehmung und Kommunikation (Stichwort „neue“ Medien) und durch eine Zunahme von Migration erzeugt wird. Darüber gebe es bisher nur ungenaue Kenntnisse, auch in der Frage, ob kosmopolitische Einstellungen und Werthaltungen in diesem Zusammenhang zunehmen oder ob es eine Rückbesinnung auf materielle Werte (Sicherheit) gibt und welche Auswirkungen damit für die Mehrheitsgesellschaft verbunden wären. Ungeklärt sei auch noch die Frage, in welcher Weise Deutschland von den Werten der Migranten und Migrantinnen positiv beeinflusst werden. In vielen Herkunftsländern der Zugewanderten der letzten Jahre sei beispielsweise der soziale Zusammenhalt im Nahraum (z.B. in der Nachbarschaft) stärker ausgeprägt als in den individualisierten Gesellschaften Mittel- und Nordeuropas. Solche Fragen könnten in zukünftigen Forschungsarbeiten untersucht werden.